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Taten des Lichts

Annette Sauermann ist weder Malerin noch Objektbauerin, obwohl sie beiden Tätigkeiten nachgeht. Zu Beginn jeder künstlerischen Arbeit zeichnete die Lichtkünstlerin außerdem Konstruktionen aus der Hand.  Ganz früher malte sie auch. Um ihre Arbeiten zu beschreiben, braucht es ein neues Vokabular: Licht-und- Schattenbilder sind darunter, große und kleine Wandreliefs. Außerdem baut sie Lichtskulpturen, Lichträume, Lichtspeicher und Lichttrommeln. Über mehr als drei Jahrzehnte hat sich die Künstlerin als selbsterklärte Fängerin des Lichts hervorgetan. Fallen-Aufstellerin könnte man sie auch nennen, denn ihr gelingt es, das leichte Licht über sehr schweres Material in Fallen zu locken und dorthin zu leiten, wo es eine „Show“ entfalten kann – bei Tag und auch bei Nacht. 

Dem Licht kann man nicht entrinnen, sagt Sauermann frohlockend. Denn Licht ist alles für sie –  Ausgangsmaterial, Handlungsimpuls und Treibstoff. In unglaublichen Kraftakten schichtet die Künstlerin Betonplatten zu Türmen übereinander und zieht dazwischen delikate Brücken aus Lagen feinsten Papiers ein. Früher verwendete sie Transparentpapier, heute sind es Lichtfilterfolien, die ähnlich aussehen, aber beständiger sind.  

Ihr Untersuchungsgegenstand erscheint nur vordergründig sichtbar, es ist die Wirk- und Brechkraft von Licht, auch seine leuchtende Farbigkeit. Auf einer weiteren Ebene versetzt sie ihre Arbeit mit unkonkreter Poesie – wie bei der neuen Werkgruppe der Lichttransformatoren besonders gut zu sehen. Fluoreszierend sind diese Scheiben, zwischen denen sich ein überirdisch schönes Schimmern entfaltet. Je nach Tageszeit und Lichteinfall zieht sehr verhalten eine eigene Art von Regenbogen auf.

Wie hell ist Dunkel, und wann wandelt sich das Dunkle ins Helle? Wie steigert sich Licht, und wie summiert es sich in seinen natürlichen Farben?  Welche Rolle spielt der Schatten, welche die Transparenz? Sauermann ist eine Forscherin, die unermüdlich Experimente durchführt. Bei aller systematischen Auslotung der Phänomenologie des Lichts will sie Grenzen nicht akzeptieren, vielmehr unerschrocken darüber hinaus gehen. Das beginnt bei der körperlichen Kraft, die sie etwa beim Beton-Verbauen aufbringen muss, und zieht sich durch den gesamten Arbeitsprozess. Gedankenschwer sind die Arbeiten zudem, was man ihnen glücklicherweise nicht ansieht. 

Wenn die Künstlerkollegen Farbfolien, Farben, Lacke, Aluminium und Faserplatten einsetzen, benutzt die Lichtkünstlerin Beton, dichroitische Gläser, Paus- und Schmirgelpapier, Markierungsstreifen sowie eingefärbtes satiniertes Plexiglas, das aufwendig vorgefertigt wird. Beim Verbauen dieses Glases tritt die gesetzte zur natürlichen Farbe hinzu. Regie führt weiter das Licht – absolutistisch. Bei einer anderen Arbeit durchziehen fluoreszierende Plexiglasplatten die mit Schwarzlichtsystemen ausgestattete Konstruktion aus Beton. Solche Platten werden zu Membranen, die immer weiterleuchten, irgendwann den Einbruch der Dunkelheit überschreitend.

Für die Wand baut Sauermann kleinere Arbeiten, die sie „Archi-Skulpturen“ nennt. Eine Art Relief sind diese beleuchteten Experimentierkästen, an denen vorgeführt wird, wie Licht und Schatten sich im Stein verhalten. Für die Künstlerin bedeutet dies eine Klärung von Spannung, wenn sie erdenschwere Statik mit feinstofflichen Farb- und Lichtphänomenen vermählt.

Wie bei Balzer und Bodde bahnt sich auf Sauermanns künstlerischem Weg eine Art von Reminiszenz an, eine Besinnung oder Rückkehr. Zu Beginn ihrer Karriere waren leichte, strenge Papierabformungen ihr Markenzeichen. Die ersten Lichtfallen lebten von aus Papier geformten haushohen Lichttüten. Sauermann strebt heute wieder Erleichterung an. Sie wird den Beton vielleicht aufgeben und Material verwenden, das nicht so viel wiegt. Jeder Tag schenkt den Menschen Licht. So wird sie das Licht weiter transformieren und als Kern ihres Werkes bewahren. Licht ist Annette Sauermanns liebste Farbe.  

Annette Bosetti

Kulturjournalistin Auszug aus dem Katalog „Dieter Balzer Object/ Nicholas Bodde Painting / Annette Sauermann Sculpture“ Kunstraum Villa Friede Bonn, 2021